»Es war klar: Dieses Manuskript ist ein ganz großer Wurf.«

Doris Plöschberger hat INDIGO als Lektorin betreut. Im Interview erzählt sie von der aufregenden ersten Lektüre und der Zeit der Ernte.

Frau Plöschberger, man könnte meinen, die Aufgabe einer Lektorin bestehe darin, ein Manuskript auf Rechtschreibfehler zu prüfen. Allerdings ist Ihre Arbeit weitaus umfangreicher – wie genau?

Es geht im Grunde um zwei Punkte. Zum einen besteht meine Arbeit in der Suche nach dem Neuen, dem Außergewöhnlichen, nach dem elektrisierenden Manuskript, das alle flasht, ein Erfolg im Feuilleton und im Buchhandel ist und am besten auch noch den nächsten Deutschen Buchpreis gewinnt. Da ist man ein bisschen wie ein Trüffelschwein unterwegs und sucht und sucht. Und wenn man einen überzeugenden Text gefunden und eingekauft hat, geht es darum, das Ganze zusammen mit der Autorin oder dem Autor sprachlich, stilistisch, aber auch was den Inhalt betrifft – die Entwicklung der Figuren, der Plotstruktur – in eine Form zu bringen, die dem Text angemessen ist und ihm eine möglichst prägnante Gestalt gibt.

INDIGO wartet mit einer sehr komplexen Plotstruktur auf. Als Leser wechseln wir ständig die Zeitebene, was zuweilen bewusst verwirrend ist. War das Lektorat von INDIGO aufwendiger als bei anderen Romanen?

Nein, nicht unbedingt aufwendiger. Es war klar: Dieses Manuskript ist ein ganz großer Wurf, und wir werden ein packendes Buch daraus machen. Im Lektorat ging es darum, zusammen mit dem Autor noch an ein paar Feinheiten zu arbeiten. Sie haben es ja erwähnt: Die Anordnung der Geschichte ist nicht chronologisch, sondern läuft auf zwei Zeitebenen, die ineinander geschoben sind. Das Buch steckt voller impliziter, zum Teil auch expliziter zeitlicher Verweise, die diese beiden Ebenen miteinander in Verbindung bringen und auch innerhalb dieser Ebenen enge Verweisstrukturen etablieren. Das musste natürlich stimmen, und daran, an den Details, haben wir noch ein wenig gefeilt.

Sie sprachen von einem „ganz großen Wurf“. Nach welchen Anhaltspunkten sucht man als Lektorin, wie erkennen Sie das Potential eines Manuskripts?

Das klingt jetzt ein bisschen metaphysisch, aber bei sehr guten Manuskripten stellt sich relativ schnell so etwas wie eine innere Anspannung ein. Sofort ist man drin im Text und spürt die Energie, die darin steckt. Auf wohltuende Weise verringert sich die Distanz zum Text, die der prüfende Blick eben mit sich bringt, und man lässt sich gerne packen und im glücklichsten Fall mitreißen von Sprache und Plot.

Was haben Sie bei der ersten Lektüre von INDIGO gespürt? Was hat den Roman von Clemens J. Setz speziell gemacht?

INDIGO kann man unter anderem auch lesen als große Versuchsanordnung zum Thema Facta und Ficta. Der Roman treibt ja sein Spiel mit Fakes aller Art und verwickelt die Leser genauso wie die Figuren darin. Und sich auf dieses Spiel einzulassen, herauszufinden, welche Geschichten hat der Autor gefunden und welche hat er erfunden, und vor allem: wie setzt er sie untereinander in Beziehung und was genau wird mir da eigentlich erzählt und was davon bilde ich mir nur ein, das war schon wahnsinnig spannend und überaus anregend.

Gleichzeitig mussten Sie die Faktenlage der wahren Geschichten prüfen. Das muss bei den kuriosen kleinen Einschüben in INDIGO unheimlich schwierig gewesen sein.

Nicht unbedingt schwierig, aber in der Tat war es mit gehörigem Rechercheaufwand verbunden. Im Übrigen hatte ich da großartige Unterstützung von meiner Assistentin Martina Wunderer, die mir sehr, sehr geholfen hat. Die Arbeit ist das eine, die Überraschungen, die man dann auf dieser Spurensuche erlebt, sind das andere. Schon unglaublich, auf welche Kuriosa man stößt. Und immer denkt man, dass sie nur ausgedacht sein können. Sind sie dann aber oftmals doch nicht. Das Spannendste dabei ist natürlich die Frage, was stellt der Autor mit diesem riesigen Fundus an Geschichten an, wie setzt er die einzelnen Teile zu einer kohärenten und zwingenden Story zusammen.

Welche dieser kleinen Geschichten hat Sie am meisten überrascht – die des einsamsten Baums vielleicht?

Der einsamste Baum gehört in der Tat zu meinen Lieblingsgeschichten. Das muss man sich mal vorstellen: Eine Schirmakazie, die in Afrika in einer Wüste in Niger herumsteht, im Radius von 400 Kilometern der einzige Baum, und dann wird dieser Baum von einem betrunkenen Truckfahrer gefällt. Das alleine wäre ja schon eine großartige Pointe, aber nein, es kommt noch viel besser: Dieser Schirmakazie wird ein Denkmal errichtet, es ist natürlich aus Metall, und dieses Metalldenkmal vergiftet den Brunnen, der sich ganz in der Nähe befindet … Von derlei Geschichten ist dieses Buch voll. Man liest INDIGO, auch was diese Geschichten betrifft, nicht aus.

Sie arbeiten in Berlin, Herr Setz lebt in Graz. Wie lief die Kommunikation zwischen Ihnen beiden während des Lektorats ab?

Die räumliche Distanz war kein Problem, auch die Kommunikation nicht, im Gegenteil. Ich kannte Clemens Setz ja schon, INDIGO ist nicht unser erstes gemeinsames Projekt. Im Frühjahr 2010 ist sein Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ bei uns erschienen, das erste Buch von ihm im Suhrkamp Verlag. Ich wusste, wie professionell, wie friktionsfrei die Zusammenarbeit mit ihm läuft, und das hat sich auch bei INDIGO bestätigt. Wann immer Fragen aufgetaucht sind, haben wir das entweder telefonisch oder über E-Mail geklärt. Clemens Setz war während des Lektorats immer erreichbar, hat sofort auf E-Mails reagiert, war für jede Frage und jeden Vorschlag offen. Als Lektorin kann man sich keine angenehmere und konstruktivere Zusammenarbeit wünschen.

INDIGO ist der neue Roman von Clemens J. Setz, einen gewissen Anteil an dem Projekt hat allerdings auch Judith Schalansky (Der Hals der Giraffe) als Gestalterin. Sie haben diese Zusammenarbeit initiiert. Geschah das zufällig oder haben Sie Frau Schalansky mit Absicht auf das INDIGO-Projekt gestoßen?

Ich hatte natürlich schon einen Hintergedanken, als ich Judith Schalansky von dem Manuskript erzählte. Denn nachdem ich es gelesen hatte, war mir klar, welche typographischen und überhaupt Gestaltungsmöglichkeiten in dem Text stecken. Und Judith Schalansky ist nunmal beides: Autorin und preisgekrönte Buchgestalterin, und ich bin nicht nur Clemens Setz‘, sondern auch Judith Schalanskys Lektorin. Das ist eine Chance, die man sich ungern entgehen lässt. Also dachte ich, ich probier’s mal, und habe Judith Schalansky von dem Manuskript erzählt. Ich habe es auch gemacht, weil ich wusste, dass sich die beiden kennen und mögen, und zwar nicht nur persönlich. Die beiden schätzen auch die Texte des jeweils anderen. Wäre das nicht so, hätte ich es nicht getan. Aber tatsächlich habe ich Judith Schalansky mit dem Hintergedanken von dem Manuskript erzählt, dass sie möglicherweise Lust bekommt, es zu gestalten. Erst dachte ich nur an den Einband, schnell wurde dann aber im Gespräch klar, dass sie auch Lust hat, die Typografie zu machen. Und es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt: Die Zusammenarbeit war großartig.

Können Sie den Arbeitsaufwand von Ihnen allen in Stunden schätzen?

Nein, kann ich nicht. (lacht) Aber es steckt eine Menge Arbeit drin. Letztendlich wird man das dem Buch nicht ansehen, und so soll es auch sein. Entscheidend ist, dass wir mit dem Ergebnis alle sehr glücklich sind. Der Autor, die Gestalterin – und ich auch.

Inzwischen ist INDIGO im Handel. Ist Ihre Arbeit damit getan?

Jetzt ist erst mal Zeit der Ernte. Jetzt kommt diese schöne Phase, in der man den Autor auf die eine oder andere Lesung begleitet, die eine oder andere Veranstaltung mit ihm moderiert. Jetzt sitzt man vorm PC oder blättert in der Früh nervös die Zeitungen durch und hofft natürlich auf Rezensionen mit dem zitablen Satz, der dieses Buch dann richtig feiert. Die Arbeit am Text ist erst mal abgeschlossen, und das ist auch ein gutes Gefühl.

5 Gedanken zu “»Es war klar: Dieses Manuskript ist ein ganz großer Wurf.«

  1. Danke für das schöne Interview! Wirklich interessiert, auf diese Weise einen Blick hinter die Kulissen zu werfen! Würde mir wünschen, dass es mehr solcher Interviews über Bücher mit Personen geben würde, die darüber wirklich etwas zu sagen haben (Lektoren, Verleger, Umschlaggestalter etc.). Vielleicht macht der Suhrkamp Verlag ja demnächst mehr in der Richtung?

    • Lieber Herr Borngrebe,

      vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar und Ihren Wunsch nach einer Fortsetzung.
      Wir halten Sie auf dem Laufenden darüber, wann es weitere Aktivitäten dieser Art geben wird.

      Herzliche Grüße
      Webredaktion des Suhrkamp Verlags

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